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Martin von Broock, Andreas Suchanek

Auch in der 59. US-Wahl war die Wirtschaft das wichtigste Thema. Mit dem Sieg Joe Bidens verbinden sich viele Hoffnungen auf eine nachhaltigere Ausrichtung. Eine genauere Analyse der Ergebnisse offenbart indes bleibende Herausforderungen – nicht nur für die USA.

Die Abwahl Donald Trumps lässt viele Menschen aufatmen. Angesichts der tiefen Gespaltenheit des Landes sollten die Erwartungen an die neue Regierung nicht zu hoch ausfallen. Eines lässt sich aber festhalten: Eine weitere Amtszeit Trumps hätte jene Spaltung sicher nicht verringert. In dieser Hinsicht ist die Wahl von Joe Biden ein positives Signal – für den Zusammenhalt in Amerika, die transatlantischen Beziehungen und die globale Zusammenarbeit insgesamt.

Dessen ungeachtet stellt sich die Frage nach den tieferen Implikationen der Ergebnisse – gerade auch im Hinblick auf die Wirtschaft. Denn spätestens seit Bill Clintons Wiederwahl 1992 lautet die Antwort auf die Frage nach dem wahlentscheidenden Thema: „The economy, stupid!“. Auch 2020 war die Wirtschaft mit Abstand das wichtigste Thema für die US-Wähler*innen (35 Prozent). Und innerhalb dieser Gruppe stimmte die große Mehrheit für Donald Trump (82 Prozent). Heißt: Ein hoher Anteil an Wähler*innen in den USA schreibt dem scheidenden Präsidenten offenbar eine hohe wirtschaftliche Kompetenz zu.

Tatsächlich hat der Präsident in der zurückliegenden Amtszeit zentrale ökonomische Herausforderungen seines Landes adressiert, etwa die Schaffung von Arbeitsplätzen, Investitionen in der Industrie oder die Verringerung des Außenhandelsdefizits. Was er bei den selbst gesteckten Zielen faktisch erreicht hat, ist gemäß verschiedenen Analysen mindestens umstritten. Dessen ungeachtet hat Donald Trump keine Zweifel daran aufkommen lassen, wie eine erfolgsorientierte Wirtschaft nach seinem Verständnis agieren sollte.

Jenes Verständnis lässt sich in drei Schlagworten zusammenfassen: (1) Nullsummendenken, (2) Gewinnen um jeden Preis und (3) Leadership by fear:

  • Nullsummendenken: In der Wirtschaft geht es darum, Gewinne zu erzielen. Für Donald Trumps bedeuten Gewinne, dass andere verlieren. So trat er bereits 2016 mit der Behauptung an, dass die USA vor seiner Zeit stets der Verlierer gewesen seien und mit ihm wieder zum Gewinner werden müssten. Die Erfolge anderer Nationen, allen voran China und auch Deutschland, gingen nach Trumps Auffassung einseitig zu Lasten der US-Amerikanischen Wirtschaft. Diese Entwicklung sollte im Sinne eines „America first“ umgekehrt werden. Entsprechend richtete Trump seine Wirtschaftspolitik in hohem Maße protektionistisch und merkantilistisch aus.
    Tatsächlich aber beruht langfristiger ökonomischer Erfolg nicht auf Win-Lose, sondern auf Win-Win. Wertschöpfung und Handel setzen Kooperation voraus. Jedes erfolgsorientierte Unternehmen, jede Volkswirtschaft ist darauf angewiesen, dass andere in die eigenen Leistungen und Produkte möglichst langfristig investieren bzw. diese konsumieren. Und kein Kooperationspartner akzeptiert – wie Trump – die Rolle des Verlierers. Insofern erfordert nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum Kooperationsgewinne. Deren Höhe hängt wesentlich vom Ausmaß des gegenseitigen Vertrauens ab. Im Nullsummendenken existiert dagegen nur Misstrauen.
  • Gewinnen um jeden Preis: In der Win-Lose Welt von Donald Trump gibt es keinen Raum für Kompromisse. Es gibt auch keine Langfristigkeit. Das Einzige was zählt, ist der aktuelle Deal, das einzelne Ergebnis im Hier und Jetzt. Und wer verliert, verdient keinen Respekt und sollte auch keinen Führungsanspruch geltend machen. In der Folge ist für Donald Trump jeder nächste Deal ein Endspiel, das es um jeden Preis zu gewinnen gilt. Dafür sind alle Mittel recht: Drohungen, Lügen bis hin zum offen eingestandenen Vertragsbruch Gesetze sollten Unternehmen nach Auffassung des „Geschäftsmanns“ Donald Trump als nützliche Tools zum eigenen Vorteil „gebrauchen“. In diesem Weltbild übertrumpft das Ziel des Gewinnens Werte wie Verantwortlichkeit, Respekt oder Fairness und degradiert Recht und Gesetz zu Optionen, deren Einhaltung allein von ihrer Nützlichkeit abhängig gemacht wird (siehe Stimmenauszählung). Notfalls rechtfertigt der Gewinn sogar den Verfassungsbruch.
    Mit dieser Haltung unterminiert Donald Trump die Grundlagen, die für jedwede Art von Gewinnerzielung in der Wirtschaft – und darüber hinaus – zwingende Voraussetzungen sind: ein gemeinsames Spielfeld mit verlässlichen Regeln und einem hinreichend gemeinsamen Verständnis des Freiheitsgebrauchs innerhalb jener Regeln. Ohne ein solches Spielfeld kann Wirtschaft nicht existieren. Denn jeder „Deal“ braucht geteilte Orientierungspunkte für gegenseitige Erwartungen und gemeinsam akzeptierte Durchsetzungsmechanismen.
  • Leadership by Fear: Donald Trumps allein am eigenen Gewinn ausgerichtete Haltung, die gemeinsame Regeln nur im Falle eigener Vorteile akzeptiert, kann sich in der Führung nur auf den eigenen Machtanspruch berufen. Dem Win-Lose-Weltbild folgend geht es nicht darum, andere zur Mitarbeit zu gewinnen oder ihren Ideen Raum zu geben. Stattdessen fordert Donald Trump bedingungslose Loyalität und Gefolgschaft für die eigenen Ideen unter Androhung harter Konsequenzen bei Abweichungen (eine Bilanz seiner Personalpolitik findet sich hier). Dieses Führungsverständnis schließt die Unterstützung gewaltbereiter Gruppen prinzipiell nicht aus. Wohl aber die prinzipielle Anerkennung unabhängiger wissenschaftlicher Expertise. Denn im Trumpschen Verständnis ist Führung mit Kontrolle und Dominanz gleichzusetzen, wie seine offene Bewunderung für autokratische Herrscher erkennen lässt.
    In der Wirtschaft wird ein solches Führungsmodell heute als Hindernis für nachhaltigen Unternehmenserfolg gesehen. Wer im globalen, zunehmend digital getriebenen Wettbewerb bestehen will, muss den dafür notwendigen (Nachwuchs-)Talenten „attraktivere Deals“ anbieten: „Leaders must work to enable their people to bring their full potential to the job. Denn die in allen Bereichen – vom Energiesektor bis zum Gesundheitsbereich – notwendigen Innovationen werden sich gerade nicht Top-Down verordnen (und auch nicht verhindern) lassen. Stattdessen erfordern sie die Inspiration, Förderung und Zusammenführung von unterschiedlichen Talenten und dezentralem Wissen. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass in der zurückliegenden Amtszeit Donald Trumps Führungskräfte aus der Wirtschaft stärker als zuvor öffentlich Position gegen präsidiale Entscheidungen bezogen haben (CEO Activism).

Die Wahlanalysen lassen natürlich nicht darauf schließen, dass die wirtschaftsorientierten Wähler*innen Donald Trump bewusst für die hier nachgezeichnete Haltung gewählt haben. Festzuhalten ist aber, dass die zahlreichen, vielfach öffentlich verbreiteten Beispiele jener Haltung auch nicht zu einem Rückgang der absoluten Stimmen für Donald Trump geführt haben. Heißt: Vorsätzliches und wiederkehrendes „Foulspiel“ im wirtschaftlichen Wettbewerb wird von zahlreichen Bürger*innen mindestens nicht als Einschränkung wirtschaftlicher Kompetenz gesehen.

Für die Verfechter einer nachhaltigeren Wirtschaft ist dieser Befund in mehrfacher Hinsicht bedenkenswert:

  • Das Trumpsche Verständnis einer auf einseitigen Gewinn ausgerichteten Wirtschaft steht im diametralen Gegensatz zu sämtlichen Transformationsansätzen für nachhaltigeres Wirtschaften. Von den Globalen Nachhaltigkeitszielen über die UN Guiding Principles on Business and Human Rights, die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen bis hin zum Global Compact setzen alle globalen Strategien auf multilaterale Kooperation. Dafür sind nationale Mandate die Voraussetzung. Die Entwicklungen in den USA offenbaren indes die Lücke zwischen der Erkenntnis notwendiger Veränderungen auf globaler Ebene und der Bereitschaft der Menschen vor Ort, die dafür notwendigen Zumutungen zu tragen. An der Wahlurne schlägt das kurzfristige Jobversprechen die nachhaltige Wirtschaftsausrichtung. Den Forderungen nach einem radikaleren Umbau der Wirtschaft begegnen 70 Mio. Amerikaner*innen mit der Wahl eines radikalen Verfechters kurzfristiger Eigeninteressen.
  • Nach dem Abgang von Donald Trump bleibt Amerika vorerst gespalten. Und in anderen Ländern könnten sich ähnliche Tendenzen abzeichnen. Auch in Europa stehen Schlüsselindustrien vor disruptiven Veränderungen, allen voran die Automobilbranche. Die damit einhergehenden (mindestens zwischenzeitlichen) sozialen Verwerfungen sind nicht absehbar. Umso wichtiger ist es, nicht nur das positive Narrativ einer nachhaltigen Zukunft hervorzuheben. Staaten(gemeinschaften) müssen vielmehr jene in den Blick nehmen, die auf dem Weg dorthin die meisten Zumutungen (er)tragen müssen. Die Frage danach wird in progressiven Kreisen nicht selten als Zukunftspessimismus abgekanzelt. Tatsächlich hat ihr Ausblenden aber erst den Nährboden für das Trumpsche „Gegennarrativ“ bereitet.
  • Vor allem aber zeigt der Aufstieg Donald Trumps, dass Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft jenseits ihrer vielfach unterschiedlichen Interessen im gesellschaftlichen Diskurs ein geteiltes Interesse nicht aus dem Blick verlieren dürfen: Den Erhalt des gemeinsamen Spielfelds. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist die Vermeidung dualistischer Argumentationsmuster im Sinne der Trumpschen Win-Lose Logik (variiert als Gut vs. Böse, Bürger vs. Establisment, Freund vs. Feind). Denn Demokratie – als Voraussetzung für freies Unternehmertum – beruht auf der freiwilligen Bereitschaft zu wechselseitigem Respekt trotz unterschiedlicher Interessen. Und auch in der Wirtschaft ist Wertschöpfung positiv korreliert mit Wertschätzung.

Worauf kommt es jetzt an? Die zentralen Ansatzpunkte für besseres Wirtschaften haben wir bereits an anderer Stelle aufgezeigt (Build back better). President-elect Joe Biden hat erkennen lassen, dass dies auch sein Verständnis von Wirtschaft ist. Dies lässt hoffen. Und verdient Unterstützung.