Martin von Broock, Andreas Suchanek
In Deutschland und Europa dominiert derzeit ein Thema: Wie finden wir zurück zu wirtschaftlicher Stärke im globalen Wettbewerb? Innovationsoffenheit, Leistungsbereitschaft und eine effizientere Bürokratie sind zentrale Hebel. Der Blick zurück in die Ursprünge unseres modernen Wirtschaftsverständnisses verweist auf einen weiteren entscheidenden Faktor – der uns zunehmend abhandenkommt.
2026 feiert das vielleicht einflussreichste Werk über die Bedeutung der Wirtschaft für gesellschaftlichen Fortschritt einen runden Geburtstag: In seinem 1776 veröffentlichten Klassiker The Wealth of Nations beschreibt Adam Smith, wie eine funktionierende Marktwirtschaft mit Leistungswettbewerb und Arbeitsteilung den Wohlstand aller fördert.
Die Sicherung von Wettbewerbsfähigkeit wurde so zum politischen Imperativ – für Wachstum, Arbeitsplätze, Teilhabe und Zusammenhalt. Mit zunehmender wirtschaftlicher Dynamik zeigen sich allerdings auch unerwünschte Effekte des Leistungswettbewerbs: vom Überschreiten der planetaren Grenzen über soziale Verwerfungen bis hin zu geopolitischen Konflikten.
Je mehr wirtschaftlicher Wettbewerb jene Probleme forciert, umso größer der Wunsch bei den Menschen nach einfachen Lösungen und klaren Schuldzuweisungen. Hier greifen populistische Kräfte mit alternativen Erzählungen an: Feindschaft statt Wettbewerb, Machtkonzentration vor Gewaltenteilung, Sicherheit vor Freiheit. Oder allgemein formuliert: Mehr Grenzen und weniger Offenheit zum (vermeintlichen) Wohl der Menschen.
Auch bei Smith stand der Mensch im Mittelpunkt seiner Überlegungen für eine florierende Wirtschaft. Deshalb gingen bei ihm die „Freiheiten im Wettbewerb“ ganz selbstverständlich mit „Grenzen für den Wettbewerb“ einher. In der Analogie zum Sport: Kein Wettbewerb ohne gemeinsames Spielfeld. Dabei wird oft übersehen, dass Smith die notwendigen Voraussetzungen für dieses Spielfelds auf zwei Ebenen angesetzt hat.
(1) Wettbewerb braucht Regeln
Wertschöpfung und Handel basieren auf Zusammenarbeit. In der arbeitsteiligen Gesellschaft entstehen Leistungen und Produkte durch das Zusammenwirken vieler Akteure an unterschiedlichen Orten. Voraussetzung dafür sind verlässliche Regeln, die gegenseitige Erwartungen so aufeinander abstimmen, dass alle die vereinbarten Beiträge leisten. Dabei geht es sowohl um die Beiträge selbst als auch um die Frage, wie sie erbracht werden.
Das Wie betrifft im Wesentlichen die Begrenzung möglicher Schädigungen – von der Kosten-Externalisierung über unerwünschte Nebeneffekte von Innovationen oder Täuschungen bis hin zur Ausbeutung Dritter. Für solche Fälle stellen verlässliche Regeln sicher, dass Wirtschaftsakteure darauf vertrauen können, dass ihre (Vor-)Leistungen nicht ausgebeutet werden oder sie geschädigt werden.
Zugleich klären Regeln die Mittel der Konfliktbeilegung im Wettbewerb: In freiheitlichen Ordnungen werden Entscheidungen durch demokratische Verfahren, Rechtsprechung und Verwaltungshandeln herbeigeführt. Das Gewaltmonopol liegt beim Staat. Dadurch wird ein „Lose-Lose“-Spiel vermieden.
Indem Regeln der Freiheit Grenzen setzen, ermöglichen sie künftige Freiheit, produktive Wertschöpfung und wirtschaftliche Entwicklung. Sie sind damit eine zwingende Voraussetzung für wirtschaftliche Dynamik, Fortschritt und Wachstum. Allein sind Regeln – und auch diese Botschaft findet sich bereits vor 250 Jahren bei Adam Smith – aber nicht hinreichend für die Gewährleistung von wirtschaftlicher Dynamik.
(2) Regeln brauchen Respekt
Jede politische und wirtschaftliche Ordnung gründet letztlich auf der kollektiven Selbstbindung aller Akteure. Gemeint ist die gegenseitige Anerkennung von Rechten und Pflichten, Freiheiten und Grenzen. Oder in der Spiel-Metapher: Ein funktionierendes Spielfeld setzt gemeinsame Spielregeln und ein hinreichend geteiltes Spielverständnis voraus. Dabei geht es um jene grundlegenden Leitideen, aus denen sich die Grenzen des Spielfelds ableiten.
Am konkreten Beispiel: Artikel 1 des Deutschen Grundgesetzes erklärt die Menschenwürde zum Maßstab für alle folgenden Regeln und staatlichen Entscheidungen. Alle Menschen haben gleiche Grundrechte – niemand darf willkürlich entrechtet werden. Artikel 2 garantiert das Recht auf freie Entfaltung, soweit nicht die Rechte anderer, die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verletzt werden. Jeder ist mit anderen Worten frei in seinem Handeln, solange er andere nicht schädigt.
Unter einem solchen Spielverständnis wird Gesellschaft zum „Unternehmen der Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil“ (John Rawls). Auf Märkten mögen Bäcker, Brauer und Metzger – wie schon Smith pointiert feststellte – in vielen Hinsichten andere Interessen haben als ihre Wettbewerber und Kunden. Sie müssen aber verbunden sein im hinreichenden Respekt (1) voreinander und (2) vor den Regeln, damit die unsichtbare Hand des Marktes funktionieren kann. Wettbewerb in der Gesellschaft setzt mit anderen Worten voraus, dass sich Akteure als Konkurrenten mit unterschiedlichen Interessen im Spielfeld, aber zugleich als Kooperationspartner mit einem gemeinsamen Interesse am Spielfeld begegnen. Wo dagegen der Respekt erodiert, wo Konkurrenz in Feindschaft umschlägt und fortgesetzter Wettbewerb in vermeintliche „Endspiele“ im Sinne von „Sieg oder Untergang“ umgedeutet wird, kann sich die Ordnung nicht selbst erhalten.
Dass Respekt eine zwingende Voraussetzung für wirtschaftliche Dynamik, Gewinne und Erfolg darstellt, verdeutlicht auch der – meist verkürzt (!) – zitierte Artikel von Milton Friedman aus dem Jahre 1970. Friedman schreibt darin: „There is one and only one social responsibility of business – to use its resources and engage in activities designed to increase its profits“. Vielen dient dieser Satz als Rechtfertigung für streng opportunistisches Verhalten von Unternehmen auf Märkten – ohne Rücksicht und Respekt. Tatsächlich geht Friedmans Aussage aber so weiter: „… so long as it stays within the rules of the game, which is to say, engages in open and free competition without deception and fraud.”
Friedman bringt damit die Anerkennung von rechtlichen und moralischen Grenzen durch wirtschaftliche Akteure als notwendige (und offenbar selbstverständliche) Voraussetzung für Gewinnerzielung zum Ausdruck. Entfällt diese Voraussetzung, wird auch der erste Teil des Zitats falsch! Wenn Gewinne auch auf Kosten anderer realisiert werden, hat das erstens nicht mehr viel mit Verantwortung zu tun. Zweitens ziehen unverantwortliche Formen der Gewinnerzielung weitere unfreiwillige Freiheitsbeschränkungen nach sich – wo der Respekt erodiert, wächst die Bürokratie und die Transaktionskosten steigen. Das Problem überbordender Bürokratie ist daher nicht nur eine Frage politischer Gestaltung, sondern auch des Umgangs miteinander.
(3) Respekt ist eine Haltung
Respekt voreinander und im Sinne der Anerkennung von Regeln lässt sich nicht verordnen oder erzwingen. Vielmehr geht es um eine Haltung, die gänzlich in der Freiheit der Einzelnen liegt: Wollen wir Gewinne zu Lasten anderer zulassen – und akzeptieren wir im „Gegenzug“, dass andere dann auch Gewinne zu unseren Lasten realisieren wollen? Das würde den Abschied von einer Marktwirtschaft zum „Wohl der Nationen“ im Smith’schen Sinne bedeuten. Denn, wie er in seinem zweiten Klassiker, der „Theory of Moral Sentiments“ herausgestellt hat: „Justice [...] is the main pillar that upholds the whole edifice. If it is removed, the great, the immense fabric of human society […] must in a moment crumble into atoms.“
In Zeiten zunehmender Polarisierung, populistischer Vereinfachungen und schwindenden Vertrauens entscheidet sich die künftige Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland und Europa also auch daran, wie viele Menschen, Unternehmen und Organisationen den Erhalt der Ordnung als gemeinsame Herausforderung annehmen – und in den Respekt voreinander und in die gemeinschaftliche Anerkennung von Regeln investieren. Adam Smiths Einsicht bleibt dabei leitend: Nur wo Freiheit durch anerkannte Grenzen getragen wird, führt Wertschöpfung dauerhaft zum „Wohlstand der Nationen“.
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