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Martin von Broock, Andreas Suchanek

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung blicken wir auf eine überwiegend erfolgreiche Transformation zurück. Welche Lehren können wir daraus für die in der Coronakrise geforderten Veränderungen ziehen?

Inmitten der Coronakrise gibt das Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung Grund zur Zuversicht: 30 Jahre nach Vollzug der Einheit zeigt gemäß einer aktuellen Studie „der Blick auf die derzeitige Lebenssituation einer breiten Mehrheit in Ost und West, dass trotz fortbestehender – aber immer geringer werdender – materieller Unterschiede die Wiedervereinigung vor allem eines ist: eine Erfolgsgeschichte.“ Dabei sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass für viele Bürger:innen der DDR die Wende zunächst mit dem „finalen Shutdown“ ihrer Wirtschaft einherging und ihnen in kurzer Zeit tiefgreifende politische, soziale und kulturelle Veränderungen abverlangte.

Heute stehen wir als globale Gemeinschaft vor einer neuen umfassenden Transformationsherausforderung: Nach einer Umfrage des Weltwirtschaftsforums stimmen weltweit fast neun von zehn Befragten darin überein, dass sich die Welt nach der Pandemie stark verändern, nachhaltiger und gerechter werden sollte. Build back better lautet die Erwartung an Regierungen, Organisationen und Unternehmen. Unter dem Eindruck der Krise geht es mithin nicht länger um die Frage, ob Veränderung notwendig ist, sondern wie wir Veränderung gestalten. Dabei markieren Forderungen nach einem Wechsel des Systems einerseits und nach Veränderungen im System andererseits die zentrale Konfliktlinie.

Heute wie damals stehen wir also an einem Wendepunkt. Der Zukunftsforscher Matthias Horx spricht von „Tiefenkrisen, in denen die Zukunft ihre Richtung ändern kann“. Wohlgemerkt: ändern kann, nicht zwingend ändert. Denn Transformation entsteht nicht aus bestehenden Strukturen und Ordnungen heraus. Sie braucht Impulsgeber:innen, die Gelegenheiten erkennen, ergreifen und andere zur Veränderung mobilisieren.

Damals waren es zuerst engagierte Bürger:innen, die den wachsenden Unmut der Menschen in Ostdeutschland in sichtbare Proteste überführten und so den Fall der Mauer einleiteten. In der Folge ergab sich – vermutlich nur für eine kurze Zeit – eine historische Gelegenheit zu einer tiefgreifenden Transformation, die zuerst die Bürger:innen in der DDR und dann die deutsche Regierung nutzte. Gestützt auf die Bereitschaft der Menschen trieb sie den Prozess der Einheit voran – teils gegen erhebliche Bedenken in Ost- und Westdeutschland wie auch bei den europäischen Nachbarn.

Die Situation heute könnte ein ähnliches Momentum eröffnen. „Build back better“ steht für die Erwartung vieler Menschen an die gestaltenden Kräfte in Politik und Wirtschaft, die aktuelle „Tiefenkrise“ als Chance für eine tiefgreifende Transformation der Ordnung zu nutzen. Umso mehr stellt sich die Frage: Was können heutige Gestalter:innen aus 30 Jahren Transformationserfahrung im Zuge der deutschen Einheit für die nächsten 30 Jahre Transformationsherausforderung (das ist die Zielmarke für den europäischen Green Deal) lernen?

Aus unserem ethischen Blickwinkel lassen sich aus der Einheit drei zentrale Erkenntnisse für Build back better ableiten:

  1. Richtung geben: Ein gemeinsames positives Zukunftsbild schaffen
    Veränderung braucht Kooperation. Und Kooperation braucht gemeinsame Ideen, einen „Purpose“, der Menschen motiviert und ihnen unter Ungewissheit Hoffnung gibt. Für die Wiedervereinigung hatte Helmut Kohl einst die Vision der „blühenden Landschaften“ formuliert – und damit viele Menschen für das Einlassen auf die Veränderung gewonnen. Auch wenn wir heute auf eine erfolgreiche Transformation zurückblicken – damals war die Aussicht auf blühende Landschaften alles andere als gewiss. Nach Lage der damaligen Fakten war sie eher nicht absehbar. Uns so folgte auf die große Euphorie erstmal die große Enttäuschung. Allerdings stellt sich die Frage: Wäre die Wende ohne ein positives Zukunftsbild gelungen? Hätten die Menschen im Wissen der desaströsen Lage in den neuen Bundesländern 1990 überhaupt die aufkommenden Zumutungen akzeptiert und in Anstrengungen investiert?

    Wir stehen heute vor einer ähnlichen Situation. Im Hinblick auf den Klimawandel und die zunehmende soziale Spaltung ist die Faktenlage ernst und in Teilen wenig ermutigend. Grundsätzlich ist ein gemeinschaftliches Umsteuern (noch) möglich. Gelingen wird dies aber nur, wenn die Menschen hoffen können, dass sich ihre Anstrengungen tatsächlich lohnen. Wenn sie jene Anstrengungen mit anderen Worten nicht als Kosten, sondern als Investitionen wahrnehmen. Dafür ist ein positives Zukunftsbild, das überhaupt erst eine gemeinsame Vorstellung dafür schafft, warum und wofür sich Anstrengungen lohnen, eine zwingende Voraussetzung. Mit den 17 Nachhaltigkeitszielen haben wir bereits ein gemeinsames Zukunftsbild für „blühende Landschaften im globalen Maßstab.“ Dieses Bild ist allein aber nicht hinreichend.

  2. Erwartungen managen: Pragmatismus statt Perfektion
    Je komplexer eine Transformation, je ungewisser ihre Randbedingungen und je knapper der Zeitrahmen, umso unrealistischer ist die Aussicht auf perfekte Lösungen. Die Wiedervereinigung erforderte etwa einen umfassenden Umbau der Verwaltung, die Währungsumstellung, die Eingliederung von Polizei und Militär in den westlichen Apparat, die Privatisierung oder Abwicklung bestehender Betriebe sowie die Neuausrichtung des gesamten Bildungswesens – im Rekordtempo, bei laufendem Betrieb und gleichzeitig! Ohne die Bereitschaft zu Kompromissen, kreativen Lösungen und Improvisationen – vor allem von den Bürger:innen im oft schwierigen Alltag – hätten diese Transformationen wohl kaum gelingen können. Auf die Frage nach Fehlern im Einigungsprozess antwortete Helmut Kohl im Rückblick, dass selbstverständlich auch falsche Entscheidungen getroffen worden seien. Denn es gab „keinen Masterplan, nur Neuland“. Indes wäre es der größte Fehler gewesen, aus Angst vor Fehlern überhaupt keine Entscheidungen zu treffen.

    Auch heute gilt: Die Pandemiebekämpfung und die in ihrer Folge geforderten grundlegenden Veränderungsprozesse müssen im Hier und Jetzt ansetzen. Es gibt keinen Masterplan und viele Ungewissheiten. Und wie damals erwachsen aus der Vergangenheit Vorgaben und Grenzen der Gestaltbarkeit für die Zukunft. Ebenso, wie sich die Folgen von 40 Jahren sozialistischer Planung im Übergang zur Demokratie nicht in kurzer Zeit korrigieren ließen, werden auch die nun anstehenden Transformationen im (!) System Zeit brauchen, bevor sie Früchte tragen. Bevor Landschaften blühen können, muss der Boden neu bestellt werden. Dabei sind Konflikte und Kompromisse unvermeidlich. Aber es liegt in unserer Freiheit, an unseren selbstgesetzten Zielen und Werten einer nachhaltig(er)en und gerecht(er)en Zukunft festzuhalten. Und es liegt in unserer Möglichkeit, die sich ergebenden Chancen zu nutzen. Allerdings sollte uns die Erfahrung leiten, eine vernünftige Kultur der wechselseitigen Erwartungen mit einer maßvollen Fehlertoleranz zu etablieren. Und hierfür ist ein dritter Faktor maßgeblich.

  3. Haltung beweisen: Respekt ist die Grundlage erfolgreicher Veränderung
    Jede Transformation ist mit Zumutungen und Enttäuschungen verbunden, die oft sehr unterschiedlich verteilt sind. Im Zuge der Wende wurden die individuellen Lebensleistungen und Kompetenzen vieler Menschen in den neuen Bundesländern hinterfragt, mitunter sogar abgewertet. Für die Menschen in den alten Bundesländern blieb dagegen fast alles beim Alten. Auch wenn sich heute die Lebensverhältnisse faktisch angeglichen haben, fühlen sich gemäß einer aktuellen Befragung 60 Prozent der Menschen in Ostdeutschland noch immer als „Bürger zweiter Klasse.“ Sie vermissen die Anerkennung für ihre Beiträge zur friedlichen Revolution.

    Diese Wahrnehmung ist eine Hypothek für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und vor allem für die anstehenden Veränderungen, die die neuen Bundesländer in Teilen sogar härter treffen könnten. Wir müssen also 30 Jahre nach der Wiedervereinigung weiter an der Einheit arbeiten. Dafür, wie auch für die vor uns liegenden Transformationsherausforderungen ist vor allem eine Haltung des gegenseitigen Respekts ausschlaggebend. Denn erst Respekt ermöglicht es, unterschiedliche Erwartungen, Interessen und Ansprüche wechselseitig anzunähern. Und nur über solche Annäherungen kann ein Grundvertrauen entstehen, dass sich der eigene Beitrag zur Transformation lohnt. Die Wende zeigt auch: Vor allem müssen Jene Respekt erfahren (und zwar nicht nur in Worten), die im Veränderungsprozess die stärksten Zumutungen zu tragen haben. Etwa, weil ihre Kompetenzen und Tätigkeiten im Lichte neuer Erkenntnisse abgewertet oder überhaupt nicht mehr benötigt werden. Natürlich rechtfertigen neue Erkenntnisse neue Weichenstellungen. Wenn damit aber eine (wahrgenommene) respektlose Haltung gegenüber Lebensleistungen einhergeht, kann nicht mit der Kooperation der Betroffen gerechnet werden.

    Natürlich ist Respekt nicht in einem naiven Sinne zu verstehen: Transformationsprozesse brauchen Regeln, Anreize und auch Sanktionen. Aber gerade weil die Ordnung in Umbrüchen mitunter selbst verändert werden muss, hängt so viel von der individuellen Bereitschaft ab – wie die Coronakrise zeigt. Und diese Bereitschaft lässt sich eben gerade nicht verordnen. Aber sie kann – und muss – durch eine Haltung des Respekts inspiriert, motiviert und gestützt werden.

Das Jubiläum der deutschen Einheit muss in diesem Jahr weitgehend ohne Feiern und mit begrenzten Zeremonien stattfinden. Umso wichtiger ist es, ihre Errungenschaften über andere Wege präsent zu halten. Und vor allem: mit jenen Errungenschaften in die Zukunft zu denken.

 

 

Dieser Standpunkt wurde wesentlich durch zwei Veranstaltungen mitinspiriert: Die diesjährige Preisverleihung der Initiative „Macher30 – der Ehrenpreis des Ostens“, bei der Eckhard Naumann, Mitgründer und Präsident des WZGE sowie über 25 Jahre Oberbürgermeister der Lutherstadt Wittenberg, für seine Verdienste ausgezeichnet wurde. Und der Jubiläumsveranstaltung des Deutschen Global Compact Netzwerks zum 20-jährigen Bestehen mit einer Podiumsdiskussion zum Thema „Business Leadership for Sustainable Development in the 2020: Performance with Purpose“.