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Martin von Broock, Andreas Suchanek

Um den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist es besser bestellt, als manche Wahrnehmung vermuten lässt. Angesichts einsetzender „Corona-Müdigkeit“ steigen indes die Herausforderungen für Entscheider:innen, gerade auch in Unternehmen. Unser Standpunkt: Gute Führung braucht einen hohen (R)-Faktor. Wir bieten drei Orientierungen für respektvolle Kommunikation.

Zwischenbilanz: Mehr Zusammenhalt in der Krise

Die gute Nachricht zuerst: „Gesellschaftlicher Zusammenhalt verbessert sich in der Krise“ – zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Bertelsmann-Stiftung. Demnach haben die Menschen hierzulande in den zurückliegenden Monaten „mehrheitlich große Solidarität und Rücksichtnahme“ erfahren. Weitere Umfragen zeigen: Die überwiegende Mehrheit der Bürger:innen ist mit den Präventionsmaßnahmen und der Arbeit der Bundesregierung zufrieden. Und: Auch bei den Beschäftigten attestieren 70 Prozent der Befragten ihren Arbeitgeber:innen ein gutes Krisenmanagement. Diese Befunde mögen manche überraschen angesichts vieler hitziger Debatten und damit einhergehender Bilder von anfänglichen Hamsterkäufen, wütenden Demonstrant:innen und notorischen Maskenverweiger:innen.

Es lohnt sich also, eine positive Zwischenbilanz zu ziehen: Entgegen mancher Befürchtungen und Negativbeispiele hat die Krise offenbar bislang nicht grundsätzlich zur Erosion von Verantwortung, Vertrauen und Kooperationsbereitschaft im gesellschaftlichen Miteinander geführt. Tatsächlich legen die Daten eher das Gegenteil nahe.

Die Herausforderung: Corona-Ermüdung

Werden wir also solidarischer und rücksichtsvoller aus der Krise hervorgehen? Tatsächlich ist es verfrüht, aus der positiven Zwischenbilanz bereits Ableitungen für das „neue Normal“ abzuleiten. Denn ein Ende der Krise ist gegenwärtig nach Einschätzung der WHO nicht absehbar. Nach wie vor gibt es keine umfassenden und einheitlichen Strategien zur Bekämpfung des Virus. Stattdessen machen sich nach Monaten des Improvisierens und Ad-hoc-Krisenmanagements die Anzeichen von Corona-Ermüdung bemerkbar; die Fallzahlen steigen wieder bedenklich. Ökonomen warnen bereits vor den gravierenden Folgen eines möglichen zweiten Lockdowns.

Wie lange können sich gesellschaftliche Kooperationsbereitschaft und Vertrauen in diesem ungewissen Umfeld behaupten? Vor dieser Herausforderung stehen vor allem jene, die weiterhin Zumutungen abwägen, verantworten und durchsetzen müssen. Das betrifft insbesondere auch die Entscheider:innen in der Wirtschaft. Denn in vielen Unternehmen und Branchen sind umfassendere krisenbedingte Einschnitte immer wahrscheinlicher. Nach Monaten des Zusammenhalts steigen die Spannungen – und damit die Anforderungen an gute Führung.

Gute Führung: Der (R)-Faktor entscheidet

Woran muss sich gute Führung messen lassen? Was ist jetzt besonders wichtig? Diese Frage wurde uns am WZGE seit Krisenbeginn immer wieder von Führungskräften aus Unternehmen gestellt. Aus Sicht der Ethik lautet die Antwort: Der (R)-Faktor entscheidet. Gerade unter Druck kommt es darauf an, Respekt zu wahren. Denn ohne hinreichenden Respekt werden Entscheider:innen auch künftig kaum erreichen, dass Menschen Zumutungen und Einschränkungen bestenfalls akzeptieren oder mindestens ihre Widerstände und Proteste nicht eskalieren lassen. Schließlich sind auch Ordnungen und Regeln (innerhalb und außerhalb von Unternehmen) stets auf ein Mindestmaß an Respekt angewiesen. Gemeint ist dabei nicht Respekt im Sinne von Furcht oder Bewunderung. Wir meinen Respekt als Anerkennung der Würde anderer und ihrer legitimen Interessen.

Das klingt zunächst selbstverständlich. Vermutlich rangiert Respekt unter den Top-Drei der globalen „Wertehitliste“ für Leitbilder. Denn jede:r wünscht sich Respekt von anderen für die persönlichen Anliegen und Ansprüche. Weniger trivial ist allerdings die Frage, welche eigenen Anstrengungen der Wunsch nach Respekt voraussetzt. Auf die notwendige Verbindung von Werten und Investitionen haben wir bereits in vorhergehenden Standpunkten immer wieder hingewiesen. Mithin stellt sich die Frage: Wie können Führungskräfte in den (R)-Faktor investieren?

Drei Orientierungen für respektvolle Kommunikation:

Eine zentrale Rolle für gute, respektvolle Führung spielt Kommunikation. Denn ohne angemessene Botschaften einerseits und ohne Bereitschaft zum Zuhören andererseits kann Respekt weder erwiesen, noch zur Kenntnis genommen werden. Umgekehrt gilt aber auch: Ohne Respekt ist kein Dialog möglich. Tatsächlich erleben wir oft folgendes Paradoxon: Die einen fordern von den anderen Respekt für die eigene Haltung ein. Jene Forderungen bringen sie indes – gewollt oder ungewollt – in einer respektlosen Form vor. In der Folge finden sie kein Gehör. Und fühlen sich schließlich in ihrem Vorwurf des mangelnden Respekts bestätigt. Das gilt nicht nur für Verschwörungsanhänger, sondern auch für manchen Wettstreit unterschiedlicher Interessen innerhalb des demokratischen Spektrums.

Wie kann gute Führung solchen Abwärtsspiralen im Interesse des künftigen Zusammenhalts entgegenwirken? Mit Blick auf Entscheider:innen in Unternehmen haben wir drei Empfehlungen für respektvolle Kommunikation in der Coronakrise:

  • Perspektivwechsel: Menschen sind sehr unterschiedlich von der Coronakrise betroffen. Wer zu einer Risikogruppe zählt, unterliegt grundsächlich einer höheren Gefährdung. Daneben gestalten sich die individuellen Herausforderungen je nach beruflichen, familiären oder auch räumlichen Gegebenheiten sehr unterschiedlich. Entsprechend unterschiedlich nehmen Menschen die gegenwärtigen Zumutungen wahr. Entscheider:innen in Unternehmen können die damit einhergehenden Belastungen in vielen Fällen nicht lindern. Es macht aber bereits einen Unterschied, ob sie jene Belastungen wenigstens (an)erkennen, oder ob sie letztere ignorieren (im schlechtesten Falle sogar negieren). Respektvolle Kommunikation verlangt daher Perspektivwechsel im Sinne der Goldenen Regel: Wie würde man selbst als Betroffener behandelt werden wollen? Denn erst die Reflexion der Situation des Anderen macht es möglich, dessen Ansprüche richtig einzuordnen und aufrichtigen Respekt aufzubringen.  
  • De-Fokussierung: Die Coronakrise zwingt uns in virtuelle Formate und eröffnet damit zugleich neue Chancen: Meetings werden fokussierter, effizienter und effektiver. Wir sparen Zeit und senken Emissionen. Darüber hinaus eröffnen digitale Formate neue Partizipationsmöglichkeiten. Die neue Fokussierung hat aber auch Nebenwirkungen für respektvolle Kommunikation: Im virtuellen Raum lassen sich bestimmte Signale, Reaktionen, Stimmungen und Bedürfnisse schlechter vermitteln und auch schwieriger wahrnehmen. Zugleich entfallen manche informellen Kanäle – das klärende Gespräch in der Pause, an der Kaffeemaschine, auf dem Gang. Im virtuellen Raum findet Kommunikation mit anderen Worten oft nur geplant und effizienzorientiert statt. Bei aller krisenbedingten Notwendigkeit zur Fokussierung sollte gute Führung deshalb in bestimmter Hinsicht auch De-Fokussierungen motivieren – etwa durch „offene“ Dialogräume über „virtuelle Kaffeeküchen“ bis hin zum persönlichen Telefonat. Gerade letzteres gewinnt in Zeiten digitaler Distanz wieder an Bedeutung.
  • Selbstbegrenzung: Die größte Herausforderung für respektvolle Kommunikation liegt in der Frage: Wie reagiert man auf respektloses Verhalten anderer? Vor der Coronakrise waren etwa der verweigerte Handschlag oder eine große Distanz Zeichen der Missachtung. Heute stehen die Verweigerung des Mund-Nasen-Schutzes oder auch das Nichteinhalten von Abständen für fehlenden Respekt. Denn beides dient ja vor allem auch dem Schutz des Gegenübers. Die Diskussionen über coronabedingte Einschränkungen verlaufen indes quer durch alle gesellschaftlichen Gruppen und erweisen sich entsprechend auch für Unternehmen als Herausforderung. Denn die zunehmende Emotionalität und Schärfe in der Kommunikation der Corona-Kritiker verleitet zu emotionalen Gegenreaktionen (Covidioten). Aber gerade in diesen Situationen verlangt respektvolle Kommunikation als Merkmal guter Führung Selbstbegrenzung. Denn vor allem in der Reaktion auf respektloses Handeln zeigt sich, wie ernst der allgemein beanspruchte Wert „Respekt“ tatsächlich genommen wird: Gelingt es, in respektvoller Weise deutlich zu machen, dass fehlender Respekt nicht akzeptiert wird? Um Missverständnisse zu vermeiden: Dies schließt klare Positionen, deutliche Worte und mitunter auch den Abbruch der Kommunikation nicht aus; Kommunikationsressourcen – Zeit und die eigene Energie – sind begrenzt. Aber selbst jene Positionierungen, Worte oder auch Kommunikationsabbrüche können auf unterschiedliche Arten erfolgen. Und was oft übersehen wird: Als Signale werden sie von Dritten wahrgenommen und beeinflussen deren Verständnis vom respektvollen Umgang miteinander.

Warum sind gerade diese Punkte wichtig? Führungskräfte haben immer eine Vorbildfunktion. Ihre Reaktionen dienen als Orientierung für die Maßstäbe es Miteinander-Umgehens. Und gerade in ungewissen Zeiten wie diesen fragen sich die Einzelnen: Wie reagiert der Chef oder die Chefin? Mit ihren Botschaften legen Entscheider:innen die Grundlage für Vertrauen (oder Misstrauen) und prägen die Kultur in der jeweiligen Organisation. Und zusammengenommen können viele Unternehmenskulturen erheblichen Einfluss auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt entfalten. Je länger diese Pandemie dauert, umso anstrengender wird es, gegen die „Corona-Müdigkeit“ zu kämpfen. Aber die Art und Weise, wie wir jetzt miteinander umgehen, wird über die Krise hinauswirken. Sie kann sogar kulturbildend wirken. Es lohnt sich also, in diesem Sinne in einen hohen (R)-Faktor zu investieren.