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Kolloquium "Führungsethik" in Wittenberg: Ethik braucht Vorbilder

Rund 50 Führungspersönlichkeiten aus Politik, Unternehmen, Verbänden und Kirchen haben am 22. September am Kolloquium Führungsethik des Wittenberg-Zentrums teilgenommen.

Im Mittelpunkt der Diskussionen stand der von Prof. Andreas Suchanek (WZGE) eingeführte Begriff der "relevanten Inkonsistenzen": Gemeint sind solche Widersprüche zwischen moralischem Anspruch und tatsächlichem Handeln, die das Vertrauen in die gesellschaftliche Zusammenarbeit nachhaltig beschädigen. Gerade Entscheider beeinflussen mit ihrem Handeln jenes Vertrauen, denn ihnen wird Vorbildfunktion zugeschrieben. Umso mehr fallen Widersprüche zwischen Worten und Taten bei Managern oder Politikern ins Gewicht, denn sie signalisieren: Wenn "die da oben" sich nicht an gemeinsame Prinzipien und Regeln halten, dann besteht für "uns hier unten" erst recht keine Verpflichtung.

 Beispiele für relevante Inkonsistenzen aus dem Wirtschaftsalltag steuerten Prof. Bolko von Oetinger (The Boston Consulting Group) und Prof. Gerhard Wolff (VNG Leipzig) bei. So wirft etwa die als Erfolg gefeierte Einstellung eines Spitzenmanagers, der von seinem vorherigen Unternehmen aufgrund klarer Regelverstöße entlassen wurde, Fragen auf: Heiligt in der Praxis letztlich doch der Zweck die Mittel? Ursachen für Inkonsistenzen könnten nach Ansicht von Prof. von Oetinger bereits in der klassischen Strategielehre angelegt sein. In den chinesischen Strategemen etwa sind klare ethische Grenzen zwischen "List" und "Täuschung" kaum auszumachen; und in einer engen Auslegung könnte der Schluss gezogen werden, dass letztlich jedes erfolgreiche Geschäft auf Übervorteilung des anderen gründet. Prof. Wolff wies in diesem Kontext darauf hin, dass es im Alltag um "Verlässlichkeit, nicht aber Durchschaubarkeit" gehen müsse.

Zahlreiche weitere Praxisbeispiele wurden in der sich anschließenden Diskussion erörtert. Dabei kam immer wieder die Frage nach dem Verhältnis von Institutionen- und Individualethik auf. Diesen Zusammenhang griff Prof. Karl Homann in seinem Schlussreferat auf: Verantwortung setzt gute Regeln voraus. Solange unverantwortliches Handeln nicht geahndet oder sogar gefördert wird, bleibt der Ehrliche der Dumme. Dabei geht es nicht nur um die Gestaltung verbindlicher "Spielregeln", sondern gleichermaßen um das in der Gesellschaft "vorherrschende Spielverständnis", wie das Beispiel des Spitzenmanagers verdeutlicht. Denn gute Spielregeln können nur dann dauerhaft bestehen, wenn die unter ihnen wirkenden Mitspieler sie auch anerkennen; allen voran die Mannschaftskapitäne.

Jene besondere Verantwortung der Entscheider unterstrich auch Ministerpräsident Wolfgang Böhmer in seiner Tischrede im Lutherhaus. Ethik braucht Vorbilder, und umgekehrt brauchen Vorbilder ethische Orientierung. Dies gilt umso mehr, je unüberschaubarer die Handlungsbedingungen für Manager und Politiker werden.