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Die mutigsten CEOs unterschreiben den Wandel

In der aktuellen Ausgabe des Magazins "forum Nachhaltig Wirtschaften" (3/2012) zeigen Dietmar Kokott und Dr. Martin von Broock Idee und Systematik des Leitbilds für verantwortliches Handeln in der Wirtschaft auf.

 Der Artikel im Wortlaut (hier können Sie die Layoutfassung herunterladen):

Deutschland zählt zu den erfolgreichsten Wirtschaftsnationen der Welt. Dennoch ist das Vertrauen in die Soziale Marktwirtschaft auf einem geringen Niveau. Kritisiert werden vor allem die Entscheider, denen viele Menschen den Gemeinsinn absprechen. Der daraus resultierende Vertrauensverlust stellt ein Risiko für den gesellschaftlichen Zusammenhalt dar. Aus der Mitte der Wirtschaft entstand daher im Jahr 2008 eine Initiative, die sich der "Vertrauensfrage" stellt.

Jede Gesellschaft benötigt neben guten Regeln immer auch ein hinreichendes Grundvertrauen der Menschen. Für die Wirtschaft bedeutet weniger gesellschaftliche Akzeptanz mehr Kosten und damit abnehmenden Unternehmenserfolg. Umgekehrt ist die Gesellschaft aber auf erfolgreiche Unternehmen angewiesen, um Wohlstand und soziale Sicherheit erhalten zu können. Vertrauensverlust führt mit anderen Worten zur wechselseitigen Schlechterstellung. Im Jahr 2010 wurde daher das "Leitbild für verantwortliches Handeln" vorgestellt. Darin verpflichten sich die Vorstandsvorsitzenden, Geschäftsführer und Aufsichtsratsvorsitzenden von mittlerweile 42 Unternehmen und vier Organisationen auf sechs Kernprinzipien nachhaltiger Führung; das heißt, sie bekennen sich zu einem an ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Belangen orientierten Handeln. Die Leitmaxime lautet: Die Wirtschaft muss das Wohl der Menschen fördern. Im Lichte der Vielzahl bestehender Selbstverpflichtungen zum Thema Unternehmensverantwortung stellt sich die Frage: Was ist neu am Leitbild?

Zunächst einmal handelt es sich um eine branchenübergreifende Initiative, die Un-ternehmen und Organisationen unterschiedlicher Rechtsformen und Größen vereint. Neu ist außerdem, dass sich die Führungsspitzen mit ihrer Unterschrift persönlich auf die Prinzipien des Leitbilds, auf Werte und auf Grundsätze ihrer praktischen Anwendung verpflichten. Und schließlich ist hervorzuheben, dass die Inhalte von den Unternehmen selbstständig erarbeitet wurden. Inhaltlich unterscheidet sich das Leitbild von anderen Wertekodizes in einem zentralen Punkt: Es bleibt nicht beim Bekenntnis zu hehren Zielen stehen, sondern berücksichtigt gleichermaßen die Bedingungen des wirtschaftlichen Alltags. In der Betonung beider Ebenen, dem "Sollen" und "Können", spiegelt sich der wissenschaftliche Ansatz des Wittenberg- Zentrums für Globale Ethik wider, das den Leitbildprozess inhaltlich begleitet. Entsprechend nimmt das Leitbild explizit Stellung zu Konfliktthemen, etwa Stellenabbau oder Managervergütungen. Die Unterzeichner bekennen sich beispielsweise zum Grundsatz, dass der Abbau von Arbeitsplätzen stets nur letztes Mittel sein darf und dass sie in Fällen, wo er unvermeidbar ist, Verantwortung für die Milderung sozialer Härten tragen.

Die Reaktionen auf den Leitbildprozess fallen in weiten Teilen positiv aus; Zustimmung wurde etwa aus den Parteien, von Gewerkschaften und auch aus der Europäischen Kommission signalisiert. Zugleich wird immer wieder die Frage nach der Überprüfbarkeit des Leitbilds aufgeworfen. Zweifellos gilt: Die Worte im Leitbild müssen durch Taten nachvollziehbar unterlegt werden. Und hier haben viele Unternehmen gute Beispiele vorzuweisen. Ungeachtet dessen kann es keine formal messbare Bewertung geben, und zwar aus folgendem Grund: Mit dem Leitbild legen die Unterzeichner ihr Verantwortungsverständnis offen; sie bekennen sich zu einer Haltung. Und eine Haltung lässt sich gerade nicht messen. Allerdings lassen sich die aus ihr hervorgehenden Handlungen beurteilen. Für diese Beurteilung - gerade in Konfliktsituationen - liefert das Leitbild Orientierungspunkte. Es bietet somit eine substanzielle Basis für die Vertrauensfrage.

Der Diskurs über gemeinsame Werte, aber auch über ihre Umsetzungsbedingungen ist äußerst bedeutend. Denn neben der Regeldiskussion muss immer auch die Frage erörtert werden, welche Erwartungen berechtigterweise an das Zusammenspiel von individuellen Handlungen und gemeinsamen Regeln gerichtet werden können. Genau hierüber will die Leitbildinitiative in den Dialog mit der Gesellschaft treten. Damit lässt sie sich auf einen langwierigen und offenen Prozess ein. Aber letztlich gibt es keine Alternative zur Investition in den Faktor Vertrauen. Denn nach wie vor gilt, worauf der Schriftsteller Freiherr Joseph von Eichendorff bereits 1832 im Vorfeld der ersten deutschen Einigung hingewiesen hat: Kein Regelrahmen kann sich selbst erhalten.