Verantwortung heißt, seine Versprechen zu halten , Prof. Suchanek im Interview mit dem Magazin "Wirtschaft & Wissenschaft"

05.11.2009

Wir befinden uns in der schwersten Rezession seit Jahrzehnten. Ausgelöst wurde sie durch die Finanzwelt, die sich durch rücksichtsloses Gewinnstreben an den Rand des Zusammenbruchs manövriert hat. War die Finanzkrise auch eine Verantwortungskrise?

Diese Krise zeigt zumindest, dass die großen Begriffe der Ethik wie Vertrauen und Verantwortung eine wichtige Rolle in der Wirtschaftswelt spielen. Die Banken haben es ja buchstäblich monetär gespürt, dass Vertrauen ein Vermögenswert ist, den sie zwingend brauchen. Und der, wenn er erodiert, zu einem echten Problem wird. Man konnte aber schon vor der großen Krise einen Trend beobachten, nämlich den Prozess eines schleichenden Vertrauensverlustes in die Marktwirtschaft insgesamt und in die Führungskräfte von Unternehmen. Die Umfragen von Allensbach und Forsa haben da eine eindeutige Sprache gesprochen.

Es sieht aber so aus, als wollte man wieder zur Tagesordnung zurückkehren, als sei nichts gewesen.

In der Tat scheinen die Banken zum business as usual zurückzukehren, was sehr risikoreich ist. Das kann sich vor allem dann fatal auswirken, wenn vielleicht in ein paar Jahren eine neue Krise kommt. Die jüngste Krise ist als Referenzpunkt im kollektiven Gedächtnis fest verankert, sodass es dann noch viel schwieriger wird - und teurer - Vertrauen zurückzugewinnen.

Auf der anderen Seite scheint es so, als ob Unternehmen und ihre herausgehobenen Repräsentanten im Moment tun könnten, was sie wollen. Man würde ihnen nicht so recht glauben.

Das ist wahr, so haben wir es am Wittenberg-Zentrum auch analysiert. Es bestätigt aber meine These: Das Vertrauen wiederzugewinnen, ist ein sehr langfristiger, schwieriger Prozess. Mit einzelnen Maßnahmen ist es da sicher nicht getan. Man kann das Vertrauen nur schrittweise durch eine Konsistenz von Worten und Taten wieder aufbauen. Der Nahe Osten ist ein Musterbeispiel fehlenden Vertrauens zwischen Israelis und Arabern. Hier ein kollektives Vertrauen aufzubauen, ist unglaublich schwierig. Es gelingt vielleicht hin und wieder auf der Ebene von Individuen, die sich begegnen. Ähnlich verhält es sich in der Wirtschaft. Die Ludwigshafener werden der BASF sicher großes Vertrauen entgegenbringen; aber fragen Sie die Ludwigshafener einmal, was sie von "der Wirtschaft" oder "den Unternehmen" halten. Die entscheidende Frage ist also: Wie kann die deutsche Wirtschaft insgesamt unter Weltmarktbedingungen Vertrauen wiederherstellen? Diese Frage ist kaum erforscht und profunde Antworten gibt es auch nicht.

Wo kommt das Konzept der "Corporate Social Responsibility" (CSR) eigentlich her?

Das Konzept kommt aus dem angelsächsischen Bereich und wurde dort schon in den 1950er-Jahren diskutiert. Die eigentliche Diskussion um CSR begann weltweit ungefähr Ende der 90er-Jahre. Ein Auslöser war der Mauerfall bzw. der Wegfall des Eisernen Vorhangs, denn nun begann mit der Globalisierung eine ganz andere Art des Wirtschaftens. Unternehmen standen vor der Aufgabe, in Märkte vorzudringen, die kaum oder anders reguliert waren. Themen wie Kinderarbeit oder Korruption standen urplötzlich auf der Agenda und damit natürlich auch das Thema CSR. Ein weiterer Treiber für das Thema waren die sich rasant verändernden Informations- und Kommunikationstechniken und dann kamen die Skandale: die geplatzte Dotcom-Blase, Enron, Parmalat.

Bei den Begriffen, die unternehmerische Verantwortung umschreiben, geht es zuweilen munter durcheinander. Ist CSR eigentlich eine geeignete Beschreibung?

Ich selbst versuche, den Begriff zu vermeiden, weil er im Deutschen missverständlich ist und oft so interpretiert wird, als ginge es ausschließlich um die soziale und ökologische Verantwortung jenseits des Kerngeschäfts auf freiwilliger Basis. Ich halte das für problematisch, weil es den Eindruck erweckt, als hätte die ökonomische Seite oder das Kerngeschäft
nichts mit Verantwortung zu tun. Was Unternehmen für ihr Kerngeschäft brauchen, ist Legitimation. Und die eigentliche Verantwortungsfrage stellt sich im Kerngeschäft.


Wie kann ein Unternehmen denn glaubwürdig Verantwortung übernehmen?

Um zu zeigen, dass man auch etwas tut, haben viele Unternehmen so eine Art Wohltätigkeitsstrategie gefahren: hier mal ein Projekt in Tansania, dort ein Schülerprojekt. Das kann man schön kommunizieren, das ist auch nichts Falsches. Aber das ist nicht der Kern von Verantwortung.

Sondern?

Verantwortung heißt nicht "doing some ethical things", sondern "doing things ethically". Und zwar alles. Egal was man im Unternehmen tut: die Art und Weise wie man Personalmanagement, wie man Buchhaltung betreibt, wie man Kunden anspricht, wie man Lobbyarbeit macht. All das kann verantwortlich oder eben unverantwortlich betrieben werden. Um es auf eine kurze Formel zu bringen: Verantwortung besteht darin, seine Versprechen zu halten.

Was heißt das konkret?

Versprechen gebe ich zum einen offen und direkt, wie zum Beispiel in Form von Produktversprechen in der Werbung oder bei Stellenausschreibungen. Und dann gibt es Versprechen in indirekter Form, wenn zum Beispiel das Unternehmen sagt: "Wir fühlen uns folgenden Werten verpflichtet: Respekt, Integrität, Fairness". Allerdings sind diese Versprechen viel schwieriger zu erfüllen und verlangen ein sehr hohes Maß an Gestaltungs- und Kommunikationskompetenz ab. Eigentlich geht es um eine ganz einfache Beziehung: Kooperation, Vertrauen und Verantwortung. Ein Unternehmen braucht eine Fülle von Kooperationspartnern: Kunden, Zulieferer, Mitarbeiter, Geldgeber, NGOs usw. Wenn man all diese Menschen gewinnen will, braucht man deren Vertrauen. An das Vertrauen wiederum sind Erwartungen geknüpft, die sich aus den Versprechen ergeben, die man gemacht hat. Dieses Vertrauen zu erfüllen, das ist Verantwortung.

Wie ernst nehmen denn Unternehmen diese Art gehaltvoller Verantwortung?

Bei kleinen und mittleren Unternehmen ist das Thema noch nicht breit verankert, wenngleich es oft einfach gelebt wird. Die haben ja auch kaum die Zeit und die Kapazitäten, sich intensiv mit solchen Themen zu beschäftigen. Bei großen Firmen ist es sehr unterschiedlich. Ich kenne einige, die sehr viel in das Thema Verantwortung investieren, die aber vor dem Problem stehen, dass es angesichts der enormen Fülle heterogener Themen - vom Spenden bis zur Korruptionsbekämpfung - schwer ist, Verantwortung nicht zum leeren Schlagwort verkommen zu lassen. Manche sehen es aber auch als bloßes Marketing- oder PR-Projekt, ohne dass es sich im Kerngeschäft auswirkt. Meine Hoffnung wäre, dass die Standards hier steigen und dass sich die Unternehmen "cheap talk", wie das der Spieltheoretiker nennt, nicht mehr leisten können.

Das Thema Verantwortung müsste demnach auch stärker in der Ausbildung verankert werden.

Ja, das ganze Thema läuft zwingend durch die Köpfe der Menschen. Wenn das Thema in fünf Jahren Hochschulausbildung keine Rolle spielt, können die Absolventen in ihren Unternehmen auch keinen konzeptionellen Input geben oder die entsprechende Kommunikationskompetenz aufweisen.

Wie muss denn die Forschung aussehen, damit die Unternehmen bei dem Thema irgendwann einmal klarer sehen?

Es gibt Fachkollegen, die das Thema sehr fundamental mit philosophischer Grundlegung angehen wollen, die also eine ganz neue Betriebswirtschaftslehre schaffen wollen. Ich glaube, dass das nicht funktionieren wird, weil es zu viele BWLer geben wird, die das nicht mitmachen und sich nicht auf das betreffende Kategoriensystem einlassen. Und dazu kommt, dass solche abstrakten Konzepte nicht genügend mit den konkreten Problemen des Unternehmensalltags verbunden sind. Die große Herausforderung, die wir haben, ist die der Integration von Theorie und Praxis. Wir haben auf der einen Seite sehr abstrakte Theorien - des Guten, des Gerechten, der Integrität - und wir haben auf der anderen Seite sehr konkrete und zugleich hoch komplexe Alltagsprobleme in den Unternehmen, die sich eben gerade nicht dadurch auszeichnen, dass sie als reine Marketing- oder Finanzierungsfrage zu behandeln sind. Es handelt sich
vielmehr um ein sehr kompliziertes Geflecht von verschiedensten Anforderungen und Rückwirkungen. Was wir also brauchen, ist heuristische Forschung.

Was bedeutet das?

Es läuft vor allem darauf hinaus, dass man die in der Wissenschaft typischen Methoden der Verallgemeinerung und Ausdifferenzierung nicht primär daran ausrichtet, ob sie logisch oder empirisch vollständig sind, sondern ob sie in der Praxis problemrelevant sind. Man muss also ständig zwischen allgemeinen theoretischen Überlegungen und konkreten Alltagsurteilen
abgleichen. Und das unterscheidet sich dann deutlich von der typischen einzelwissenschaftlichen Forschung. Dort hat man ein spezielles wissenschaftliches Problemfeld, blendet den Rest der Welt aus und geht dann ganz weit in die Tiefe. Erforderlich ist meines Erachtens eine heuristische Forschung, die sich ihre Themen aus der Praxis vorgeben lässt und gleichwohl auf ein theoretisch fundiertes Gerüst zurückgreifen kann, um zu Antworten zu kommen.

Interview: Michael Sonnabend
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von "Wirtschaft & Wissenschaft".


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